Ob Kleinkind, Primarschülerin oder Jugendlicher. Wie wir alle wird auch die junge Generation oftmals von Ängsten und Sorgen begleitet. Insbesondere für die Eltern von betroffenen Kindern gilt es dabei, einen geeigneten Umgang zu finden und bei Bedarf auch professionelle Unterstützung nicht zu scheuen.
Ängste und Unsicherheiten begleiten uns unser ganzes Leben und verändern sich im Verlaufe der verschiedenen Lebensphasen. Während im Vorschulalter Trennungsängste oder die Furcht vor Dunkelheit, Gewittern oder Fantasiegestalten oftmals im Vordergrund stehen, sieht dies im Primarschulalter in der Regel bereits wieder anders aus. Dann verlagern sich die Ängste vermehrt auf soziale Aspekte und die eigene Leistung. Die Sorge vor Ablehnung, davor, nicht dazuzugehören, nimmt mehr Raum ein, hinzu kommt die Angst vor möglichem schulischem Versagen.
Mit dem Jugendalter ab etwa 12 Jahren werden die Ängste und Sorgen diverser, da sich die Teenager auch in einer komplexeren, vielschichtigeren Lebenswelt bewegen. Leistungs- und Prüfungsängste in der Schule können eine Rolle spielen sowie Zukunftsängste und Sorgen um den eigenen Lebensweg. Immerhin stehen schon bald wichtige Entscheidungen an, beispielsweise in welche Richtung es beruflich später gehen soll. Hinzu können im Teenageralter Sozialängste, etwa vor Ausschluss, kommen sowie solche rund um das eigene Körperbild.
Angst ist nicht immer schlecht
Was die verschiedenen Ängste in unterschiedlichen Lebensphasen eint, ist der Fakt, dass sie präsent, für die betroffene Person real sind und es einen geeigneten Umgang damit zu finden gilt. Im Kindes- wie im Teenageralter nehmen dabei in den meisten Fällen die Eltern eine zentrale Rolle ein. Dies bestätigt auch Matthias Obrist, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, kurz SKJP. Er betont ausserdem, dass Angst grundsätzlich eine menschliche Grundfunktion darstellt, die biologisch Sinn macht, um beispielsweise auf potenzielle Gefahren adäquat reagieren zu können. «Es geht um das Ausmass einer Angst und den Umgang damit.»

In der Eltern-Kind-Beziehung rund um den Umgang mit Ängsten spielt Kommunikation eine Schlüsselrolle, wobei sich dies keinesfalls auf die verbale Kommunikation beschränkt. «Insbesondere jüngere Kinder können ihre Sorgen nicht immer in Worte fassen, sondern drücken sich anderweitig aus. Sei es durch Rückzug, Aggression oder körperliches Unwohlsein», erklärt Obrist. Für Eltern gilt es, in solchen Fällen individuell und dem Alter entsprechend darauf zu reagieren. Beispielsweise falls Trennungsängste aufkommen, wenn das Kind bei einem Gspänli den Nachmittag verbringen soll, kann der Aufenthalt dort verkürzt werden. Generell kann das Signalisieren von Nähe bereits viel bewirken, da das Kind spürt, dass jemand da ist, der Halt geben kann.
Auch Mami und Papi wissen nicht alles
Aus Elternsicht sei es wichtig, nicht sogleich in Aktionismus zu verfallen, so Obrist. Oftmals fänden Kinder gar selbst eine Lösung, um die Ängste lösen zu können; plus steigere es die Besorgtheit des Kindes, wenn die Eltern signalisieren, dass es etwas Gravierenderes ist. Handlungsbedarf besteht hingegen, wenn das Kind in seiner Entwicklung eingeschränkt ist, beispielsweise sich auch mit 12 Jahren noch davor fürchtet, auswärts oder gar in einem Lager zu übernachten.

In einem solchen Fall könne die Angst nicht weggenommen, doch eine Sicherheit rundherum aufgebaut werden, damit die Angst kleiner, aushaltbar wird, erklärt Matthias Obrist. Gleichzeitig sind Eltern keine Psychologen, die mit jeder Sorge ihres Kindes auf bestmögliche Art und Weise umzugehen wissen. Dafür steht bei Bedarf in der Schweiz ein breites Angebot an professionellen Anlaufstellen und Ansätzen zur Verfügung.
Mit Unterstützung es selbst schaffen
Eine wirksame Methode stellt die Verhaltenstherapie zur Verfügung. Diese setzt direkt im Alltag der Betroffenen an und betrachtet problematisches Verhalten, Gedanken und Gefühle als etwas Erlerntes, und damit auch Veränderbares. In einem ersten Schritt wird gemeinsam mit dem Kind und seinen Bezugspersonen geklärt, wie ein Problem entstanden ist, welche Situationen es auslösen und was es im Alltag aufrechterhält. Darauf aufbauend formuliert die Therapeutin konkrete, gut verständliche Ziele, die für das Kind spürbar relevant sind.

Ziel der Verhaltenstherapie ist weniger die Ursachensuche in der Vergangenheit als vielmehr die spürbare Verbesserung des aktuellen Lebens. Kinder und Jugendliche sollen Werkzeuge an die Hand bekommen, mit denen sie Ängste, Aggressionsdurchbrüche oder Grübelschleifen eigenständig besser bewältigen können. Idealtypisch wachsen sie so Schritt für Schritt in mehr Selbstwirksamkeit hinein mit einem klaren Plan, wie sie auch zukünftige Belastungen aktiv beeinflussen können.
«Ihre Wartezeit beträgt 2 Monate»
Unabhängig davon, welcher Ansatz gewählt wird, die Eltern werden immer in den Therapieprozess miteinbezogen, wie auch Matthias Obrist betont. «Der Gedanke, dass man sein Kind zum Therapeuten schickt und es dann ‹gesund funktionierend› wieder rauskommt, ist veraltet und gänzlich überholt.» Er bestätigt auch, dass es nicht einfach ist, einen Termin bei einer Kinder- oder Jugendpsychologin zu erhalten. Ein frühzeitiges Anfragen könne entsprechend hilfreich sein, da nicht selten eine Wartezeit von mehreren Wochen bis gar Monaten besteht.
Im urbanen Raum ist die Abdeckung mit entsprechenden Angeboten wenig überraschend höher als in ländlicheren Regionen. Unterstützung kann beispielsweise der Psyfinder der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen bieten, mithilfe dessen sich ein geeignetes Angebot dank verschiedener Filter wie Region und Thema leichter finden lässt.
Was ist überhaupt noch sicher?
Nicht zuletzt die Coronapandemie hat der mentalen Gesundheit einen zusätzlichen Bedeutungsgewinn verliehen, wobei dies für sämtliche Altersstufen gilt. Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene haben erlebt, wie schnell vermeintliche Sicherheiten wegbrechen können und wie wertvoll Resilienz ist, um mit psychologischen Herausforderungen adäquat umgehen zu können.

Obrist begrüsst zum einen die gesteigerte Aufmerksamkeit für das Thema mentale Gesundheit, sieht damit verbunden aber auch gewisse Gefahren, die eine Popularisierung von bestimmten Begrifflichkeiten wie ADHS, Neurodivergenz oder Autismus mit sich bringen. «Dadurch können neue Realitäten geschaffen werden und es sollte nicht alles psychologisch erklärt werden. Einen grossen Teil macht auch die Pädagogik und Erziehung aus.»
Schliesslich geht der Blick in den digitalen Raum, wo die verschiedenen Social-Media-Plattformen um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen buhlen. Rund drei bis vier Stunden täglich verbringen Schweizer Teenager durchschnittlich an Bildschirmen, wobei die meiste ihrer Internetzeit auf soziale Netzwerke und Messenger-Dienste entfällt. Dies könne Ängste verstärken, sagt Obrist, da manche Sicherheiten durch den Social-Media-Konsum (und den Nachrichtenkonsum über diese Kanäle) verstärkt ins Wanken geraten, beispielsweise rund um die globale politische (Sicherheits)lage oder die Klimakrise. Die Glaubwürdigkeit wird durch die auf uns überschwappende KI-Welle und den damit verbundenen Fake-Inhalten zusätzlich auf die Probe gestellt. «Dies schlägt alles auf das Grundvertrauen, was wiederum eine gute Resilienz erfordert.»



