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Er traut Paare, segnet Neugeborene und nimmt mit Familien Abschied von ihren Verstorbenen. Markus Flückiger gestaltet Zeremonien für die grossen Übergänge des Lebens. Der freie Theologe und Coach aus Zürich spricht im Interview darüber, warum Menschen auch ohne Kirche Rituale brauchen, was eine Feier wirklich persönlich macht und weshalb es sich lohnt, über Abschied zu reden, bevor er kommt.
Warum wir Rituale brauchen
Warum brauchen Menschen heute überhaupt noch Rituale, obwohl viele keiner Kirche mehr angehören?
Auch wenn Menschen oft keiner religiösen Gemeinschaft mehr angehören, so sind alle herausgefordert mit den Übergängen des Lebens: Geburt, Heirat und Tod. Solche Momente lösen einerseits eine Flut von Gefühlen aus, sei es Freude, Hoffnung, Sorgen, Trauer, Wut oder Dankbarkeit. Andererseits suchen wir dabei eine Art übernatürlichen Halt. Rituale geben in solchen Momenten unseren Gefühlen und Spiritualität eine Symbolik.

Sie begleiten Menschen bei Hochzeiten, Geburten, Abschieden und Trauerfeiern. Was haben diese Lebensmomente gemeinsam?
Alle diese Momente sind geprägt von tiefen, menschlichen Gefühlen, so unterschiedlich diese auch sein mögen. Sie erinnern uns zudem daran, dass der Mensch endlich ist und solche Momente einmalig. Mein Ziel ist es auch, dass bei all diesen Ereignissen die Würde von jedem betroffenen Menschen sichtbar wird.
Gibt es eine Begegnung oder Zeremonie, die Sie bis heute besonders berührt oder geprägt hat?
Ach, es gibt unzählige! Bei Kindersegnungen kommen mir gleich einige Gärten in den Sinn, wo ich mit Kind und Kegel nach der Zeremonie gemeinsam gegessen und das Zusammensein genossen habe. Bei den Hochzeiten waren es besonders diejenigen Trauungen, wo ich auch fürs Fest eingeladen wurde. Besonders bewegt hat mich, dass ich Rahel mit ihrem Mann Stefan im 2024 trauen konnte, nachdem sie es war, die mich in meiner persönlichen Krise gecoacht hatte und mich dazu ermutigte, diese schöne Aufgabe als freier Theologe zu übernehmen. Ihre Trauung in Amsoldingen bei Thun bewegte mich persönlich!
Bei Beerdigungen fallen mir gleich einige tragische Ereignisse in den Sinn, als ich Menschen beerdigen musste, die viel zu früh gehen mussten oder sich entschlossen zu gehen. Da war Marina im Alter von 30 Jahren in Buochs, die 23-jährige Sharona in Zürich oder junge Familienväter, die an Krebs verstarben.
Wie Markus Flückiger Zeremonien persönlich gestaltet
Viele Paare wünschen sich eine persönliche Trauung. Was macht eine Zeremonie wirklich persönlich und was wirkt eher aufgesetzt?
Einige fragten mich bereits, ob ich meine Traureden mit KI vorbereiten würde. No way! Das wäre aufgesetzt. Ebenso, wenn ich eine Art 08/15-Rede halte mit einigen philosophischen, wohlgemeinten theoretischen Gesichtspunkten, auch das ist für mich ein No-Go.

Ich finde, jedes Brautpaar ist einzigartig, wie auch ihre Beziehung. So benötige ich die gemeinsamen Treffen, um sie persönlich kennenzulernen. Denn nur so kann ich erfassen, welche Art von Trauung sie sich wünschen und wie ich besonders die Traurede auf sie persönlich ausrichten kann. Persönlich ist wohl auch, dass ich auch während der Trauung mit dem Brautpaar und dem Publikum interagieren und auf Impulse von ihrer Seite flexibel reagieren kann.
Wie sich Liebe und Familie verändern
Welche Veränderungen beobachten Sie bei jungen Paaren im Vergleich zu früheren Generationen, wenn es um Liebe, Ehe und Familie geht?
Natürlich unterscheidet sich dies auch wieder von Paar zu Paar. Doch ich denke, dass die Trauungen heute viel natürlicher und persönlicher sind. Früher war es oft eine todernste Sache und die Abläufe und Prozeduren folgten einer festen Ordnung. Ich denke auch, dass sich Menschen heute realistischere Versprechen geben, weil sie um die Realität des Lebens mit seinen Brüchen wissen. Es gibt auch viel mehr Patchwork-Familien mit teilweise komplexen Lebenssituationen, wo mich einzelne total beeindrucken, wie gut sie damit umgehen und sich versöhnt haben. Gerade letzten Samstag hielt ich eine Trauung, wo sogar alle Ex-Partner des Brautpaares sowie deren Eltern an der Trauung eingeladen waren. Doch es gibt viele andere, wo die Brüche zu Trennungen und Distanz führten, die weh tun.

In einer Zeit voller Hektik und digitaler Ablenkung: Wie können Familien bewusste Momente schaffen, die in Erinnerung bleiben?
Ich möchte es mit einem Bild beschreiben. Bei Trauungen bitten heute die meisten Brautpaare darum, dass alle Hochzeitsgäste ihr Handy in der Tasche lassen, um sich ganz auf die Zeremonie zu fokussieren. Ich denke, solche Räume und Momente sollten wir auch als Familie bewusst erstellen, wo wir nicht erreichbar sind, indem wir miteinander spazieren oder wandern gehen, ein Spiel machen oder ein Essen geniessen.
Sie sind Theologe und Coach. Welche Rolle spielen diese beiden Perspektiven in Ihrer Arbeit als Zeremonienleiter?
Ich war als junger Mann ein Atheist. Man nannte mich in der Schule «der kleine Mao». Durch einen Flossunfall bei den Pfadfindern auf der Reuss kam ich ins Nachdenken über das Leben und Sterben. Ich fand Frieden und innere Freude in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus. Das prägte mich seither und führte dazu, dass ich eine theologische Ausbildung machte und 7 Jahre für eine Entwicklungsarbeit im Kongo weilte. Diese spirituelle Seite, die da in mir erwachte, scheint für mich auch bei allen Lebensübergängen eine Rolle zu spielen.
Wenn ich Coach mit «Lebensbegleiter» ergänzen würde, so ist dies eine zentrale Tätigkeit. Rituale und Zeremonien gelingen nur, wenn die gemeinsamen Gespräche eine gute Basis gelegt haben. Als Coach sehe ich meine Aufgabe damit, Orientierung zu geben, um einen guten, gemeinsamen Weg zu finden.
Über Abschied sprechen
Viele Menschen scheuen sich, über Abschied, Verlust und Tod zu sprechen. Was können Familien gewinnen, wenn sie diese Themen frühzeitig ansprechen?
Für viele Menschen fühlt es sich nicht gut an, weil sie denken, dass sie damit den Tod herbeireden oder wünschen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer lernt, diesen schwersten aller Abschiede bewusst vorzubereiten, gewinnt und lebt bewusster. Wer den Kopf in den Sand steckt, kann traumatisiert aufwachen. Ich musste einmal einen 47-jährigen Familienvater beerdigen, der so felsenfest überzeugt war, dass er von seinem schwarzen Hautkrebs geheilt würde beziehungsweise dass er noch lange nicht sterben würde. Als er starb, hatte er für den nächsten Abend noch mit einem Freund zum Essen abgemacht und noch viel schlimmer: Er traf null Vorbereitungen für sein Ableben. Die Familie und Firma hatten keinen Zugriff auf sein Handy, seinen PC und seine Bankkonten, wie auch keine Ahnung, was er sich für den Abschied wünschte. Die Familie machte das Beste daraus, doch da wurde eine Chance verpasst.

Welchen Stellenwert haben Geschichten in Ihren Zeremonien und was können Familien daraus für ihren Alltag lernen?
Ich liebe Geschichten. Lebensgeschichten oder Abenteuer der Personen, welche im Zentrum der Zeremonie stehen. Geschichten sind so hilfreich fürs Leben, weil sie uns eben das Leben in ihrer Fülle und Komplexität spiegeln. Aus Geschichten und Erlebnissen gewinne ich Erkenntnisse oder Mut, wie ich persönlich in ähnlichen Situationen vorgehen könnte. Für Familien oder auch Einzelpersonen sind solche Stories hilfreich, weil man merkt: «Oh, ich stehe ja nicht einzig da mit meinen Erlebnissen» und Mut fasst, wie zum Beispiel, dass die Liebe Grenzen überschreiten kann.
Was Beziehungen stark macht
Wenn Sie auf die vielen Menschen zurückblicken, die Sie begleitet haben: Was macht Beziehungen langfristig stark?
Liebe, Zuhören, Barmherzig sein, Loslassen, Vertrauen und Humor. Wenn ich es mal mit diesen sechs Worten umschreiben kann.
Welche Rituale würden Sie Familien empfehlen, die wenig Zeit haben, aber ihre Verbundenheit stärken möchten?
Jede Familie muss und soll wieder ihre eigenen Rituale finden, die auch im Alltag eingebettet werden können. Dies fängt an, wie man mit kleinen Kindern ins Bett geht oder mit ihnen bestimmte Lieder singt. Wie auch für spezielle Momente Rituale des Lebens einbaut. Wir haben zum Beispiel am Jahresende zwei fixe Rituale ausgelebt. Wir setzten uns um den Küchentisch und schrieben wahllos auf, welche Ereignisse im vergangenen Jahr uns oder einzelne der Familie geprägt haben. Und ein zweites Ritual war ein Nachtspaziergang mit Fackeln, den wir mit unseren liebsten Nachbarn und ihren Kindern machten, gefolgt von einem feinen gemeinsamen Abendessen.
Wenn Sie Familien in der Schweiz eine einzige Botschaft mitgeben könnten: Welche wäre das?
Haltet fest an der Liebe, am Vertrauen und an der Hoffnung füreinander und wenn möglich auch miteinander. Ein Satz übrigens, der in der Bibel steht und mit den Worten endet: «Die Liebe aber ist das Grösste von allem.»



