Bezahlte Kolumne
Eine Kolumne von Heidi Vogel
Hereinlegen. Es ist nicht angenehm, wenn man hereingelegt wird. Und es ist gar nicht nett, wenn man jemand anderen hereinlegt. Ich werde wohl öfter hereingelegt, als ich glaube. Aber dieses «Hereinlegen» ist nicht schlimm – im Gegenteil:
Ich erwache jeden Morgen sehr früh. Jedenfalls habe ich den Eindruck, ich sei wach. Dann denke ich über dies und das nach. Und manchmal fallen mir Sachen ein, die ich lieber vergessen würde.
Übrigens ist das auch jeden Abend so. Das bezeichne ich als eher mühsam. Vom Einschlafen merke ich nichts. Vom Aufwachen hingegen schon. Doch wahrscheinlich meine ich nur, ich sei wach, während ich in Wirklichkeit noch schlafe. Dann ist es wohl kein tiefer und erholsamer Schlaf mehr, aber immerhin schlafe ich. Meine Gedanken bestimme ich dann aber – anders als im Traum – wieder selbst.
Leider denke ich jeden Morgen an einen Mann, der vor ein paar Jahren verstorben ist. Er hatte mein Leben sehr geprägt. Auch meine Mutter kann ich nur schwer aus meinen (morgendlichen) Gedanken verbannen. Ich bin noch heute wütend auf sie. Sie hat uns alle hereingelegt: Sie besuchte mich nach meinem Unfall täglich im Spital. Damit legte sie alle Leute herein, weil sie (zu Unrecht) dachten: ‹Oh, diese gute Mutter. Sie besucht ihr Kind jeden Tag.› Als ob es nichts Selbstverständlicheres gibt als der tägliche Besuch bei einem siebenjährigen unvernünftigen Kind …
Sie kämpfte um mich, damit ich nicht in ein Heim musste. Tat sie das wirklich für mich oder legte sie mich herein, weil sie mir das Leben in einem modernen, zentral liegenden Heim nicht gönnte, während sie in einem abgelegenen uralten Bauernhaus ihr Dasein fristen musste?
Viele Jahre später veröffentlichte ich meine Biografie. Auch hier behaupten böse Zungen, ich sei vom Verlag hereingelegt worden. Das wurde ich nicht!
Ich erzählte meiner Familie nicht, dass ich einmal kurzfristig zu einem Fotoshooting eingeladen wurde. Sie hätten geglaubt, ich würde hereingelegt, doch das war nicht der Fall. Als ich angefragt wurde, ob ich Botschafterin für einen Spendenlauf sein wolle, sagte ich zu. Ich wusste, dass ich nicht hereingelegt würde. Ich fragte Papa am Telefon, ob er mich unterstütze, und vergass, dieses Detail zu erwähnen. Er erfuhr es durch die Zeitschrift der Organisation. Den anderen Leuten hatte ich den Link geschickt. Entweder mit der Bitte um Unterstützung oder einfach zum Staunen.
Über die Autorin
Heidi Vogel lebt in Entlebuch und hat ihre Lebensgeschichte im Buch «Mein langer Weg» festgehalten. Eine Reise nach Australien, die sie sich selbst ermöglichte, gehört zu den besonderen Kapiteln ihres Lebens. Mehr über sie und ihr Buch: meinlangerweg.ch



