Montag, 14. September 2026 |
Newsletter
⚡ Breaking
News  |  Gesundheit & Wohlbefinden
Gesundheit & Wohlbefinden

Bis zu vier Zentimeter Unterschied: Warum die Schweiz neue Wachstumskurven für Kinder nutzt

Adrian Steiner
von
Adrian Steiner
14.09.2026
Kind mit Massband bei einer Untersuchung in einer Kinderarztpraxis
Neue Wachstumskurven sollen die Entwicklung von Kindern in der Schweiz genauer abbilden. Entscheidend ist dabei vor allem der Verlauf über längere Zeit.
Darum gehts
  • Bei einer wichtigen Normgrenze beträgt der Unterschied bis zu vier Zentimeter.
  • Neue Schweizer Wachstumskurven ersetzen die seit 2011 verwendeten WHO-Kurven.
  • Für Eltern zählt vor allem der langfristige Wachstumsverlauf ihres Kindes.

Bis zu vier Zentimeter Unterschied gab es bei einer entscheidenden Normgrenze. Ab dem vierten Lebensjahr lag die dritte Perzentile der bisher verwendeten WHO-Kurven je nach Alter bis zu vier Zentimeter tiefer als bei den neuen Schweizer Referenzwerten. Das konnte dazu führen, dass behandlungsbedürftige Wachstumsstörungen bei Kindern später auffielen. Seit Sommer 2026 werden deshalb in Schweizer Kinderarztpraxen neue Wachstumskurven eingesetzt, die auf Daten von mehr als 43’000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Schweiz beruhen.

Was Perzentilen über das Wachstum aussagen

Wachstumskurven helfen dabei, die Entwicklung eines Kindes über längere Zeit einzuordnen. Entscheidend sind dabei sogenannte Perzentilen. Sie zeigen, wie die Körpergrösse eines Kindes im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern liegt.

Wächst ein Kind beispielsweise entlang der dreissigsten Perzentile, bedeutet das, dass dreissig Prozent der gleichaltrigen Kinder kleiner und siebzig Prozent grösser sind. Eine höhere Perzentile ist dabei nicht automatisch besser als eine niedrigere.

Wichtiger ist der Verlauf. Zwischen dem zweiten und dem zehnten Geburtstag sollten Kinder ungefähr im gleichen Perzentilenkanal bleiben. Entfernt sich ein Kind plötzlich deutlich von seinem bisherigen Verlauf, kann dies auf eine Krankheit hinweisen.

Kind wird in Anwesenheit seiner Mutter von einem Kinderarzt untersucht
Nicht eine einzelne Perzentile ist entscheidend. Wichtig ist, wie sich ein Kind über längere Zeit entlang seiner Wachstumskurve entwickelt.

Eine besondere Rolle spielt die dritte Perzentile. Sie markiert eine untere Normgrenze, bei der Kinderärztinnen und Kinderärzte nach Angaben von Urs Eiholzer häufig genauer hinschauen.

Warum vier Zentimeter einen Unterschied machen können

Bei den seit 2011 verwendeten WHO-Kurven lag diese dritte Perzentile ab dem vierten Lebensjahr je nach Alter bis zu vier Zentimeter tiefer als bei den neuen Schweizer Referenzwerten.

Das ist deshalb relevant, weil ein Kind nach der WHO-Kurve noch oberhalb dieser Grenze liegen konnte, obwohl es nach den neuen Schweizer Referenzwerten bereits darunter lag. Urs Eiholzer sagt gegenüber SRF, Kinderärztinnen und Kinderärzte würden meist hellhörig, wenn ein Kind unter die dritte Perzentile falle.

Dadurch konnten behandlungsbedürftige Wachstumsstörungen später erkannt werden. Eiholzer weist darauf hin, dass ein Kind dann womöglich nicht mehr so gross werde, wie es geworden wäre, wenn die zugrunde liegende Störung früher entdeckt und behandelt worden wäre.

Als Beispiel nennt er Zöliakie. Die Erkrankung kann das Wachstum schwächen und dazu führen, dass ein Kind von seinem bisherigen Verlauf auf der Wachstumskurve abfällt.

Das bedeutet nicht, dass Kinder aufgrund der bisherigen Wachstumskurven falsch behandelt wurden. Der entscheidende Punkt ist, dass die internationalen Referenzwerte das tatsächliche Wachstum von Kindern in der Schweiz nicht in allen Bereichen ausreichend abbildeten.

Mehr als 43’000 Kinder als Grundlage

Die neuen Wachstumskurven wurden am Pädiatrisch-Endokrinologischen Zentrum Zürich unter der Leitung von Professor Urs Eiholzer entwickelt.

Grundlage sind Grössen- und Gewichtsmessungen von mehr als 43’000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus allen Sprachregionen der Schweiz. Damit wurde ungefähr jedes vierzigste Kind für die Studie gemessen und gewogen.

Seit dem 15. Juni 2026 empfiehlt Pädiatrie Schweiz die neuen nationalen Wachstumskurven offiziell für den pädiatrischen Alltag.

Nach den neuen Daten wachsen Kinder früher, bleiben aber gleich gross. Zudem sind nach den neuen Referenzwerten weniger Kinder übergewichtig als nach den WHO-Kurven, wie SRF berichtet.

Schweizer Wachstumskurven haben eine lange Vorgeschichte

Die ersten Schweizer Wachstumskurven entstanden zwischen den 1950er und 1970er Jahren am Kinderspital Zürich unter Professor Andrea Prader.

Grundlage war die Zürcher Longitudinalstudie mit Kindern der Jahrgänge 1954 bis 1956. Aus diesen Daten entstanden die sogenannten Prader-Kurven, die während Jahrzehnten auch international verwendet wurden.

Die Datengrundlage war allerdings klein. Die damaligen Kurven beruhten auf lediglich 274 Kindern. Später wurden sie in der Schweiz durch internationale Referenzwerte ersetzt. Seit 2011 kamen dabei die WHO-Kurven zum Einsatz.

Dass wieder nationale Schweizer Referenzwerte entwickelt werden sollten, war deshalb kein völlig neuer Gedanke. Entscheidend war vielmehr die Frage, ob die Datengrundlage dafür breit genug war.

2020 gab es noch deutliche Vorbehalte

Noch 2020 sprach sich eine Expertengruppe von Pädiatrie Schweiz dafür aus, die bestehenden Wachstumskurven vorläufig weiterzuverwenden. Beanstandet wurde insbesondere, dass die damals vorliegenden Schweizer Daten nicht ausreichend repräsentativ seien.

Die zu diesem Zeitpunkt untersuchten Daten stammten vor allem aus Zürich und Luzern. Pädiatrie Schweiz forderte eine breitere nationale Grundlage und zusätzliche Daten aus weiteren Regionen. Später wurde die Datenerhebung gezielt auf die Romandie und das Tessin ausgeweitet.

Die neuen Kurven beruhen nun auf Messungen aus allen Sprachregionen der Schweiz. Damit wurde ein wesentlicher Einwand aufgenommen, der 2020 noch gegen einen Wechsel gesprochen hatte.

Für Eltern zählt der Verlauf, nicht eine einzelne Zahl

Für Eltern ist vor allem wichtig, wie sich das Wachstum ihres Kindes über längere Zeit entwickelt. Ein einzelner Messwert entscheidet nicht darüber, ob sich ein Kind altersgerecht entwickelt. Zwischen dem zweiten Lebensjahr und der Pubertät sollte es sich im Wesentlichen entlang seines bisherigen Perzentilenkanals bewegen.

Ärztin im Gespräch mit einem Kind bei einer kinderärztlichen Kontrolle
Bei der kinderärztlichen Kontrolle lässt sich verfolgen, wie sich das Wachstum eines Kindes über längere Zeit entwickelt.

Ob ein Kind dabei auf der dreissigsten, einer höheren oder einer niedrigeren Perzentile wächst, ist weniger entscheidend als eine deutliche Veränderung des bisherigen Verlaufs. Die neuen Wachstumskurven sind deshalb kein Anlass, frühere Messwerte des eigenen Kindes selbst neu zu bewerten.

Fragen dazu, ob ein Kind altersgerecht wächst oder weshalb es seinen bisherigen Wachstumsverlauf verändert, gehören in die kinderärztliche Kontrolle.

Themen
0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren