Bei vielen Paaren beginnt das Familienleben mit einer Vorstellung, die selbstverständlich klingt: Beide kümmern sich um die Kinder, beide arbeiten weiter und beide übernehmen ihren Teil zu Hause. Tatsächlich befürwortet eine grosse Mehrheit eine gleichmässige Aufteilung der Aufgaben. Doch mit der Geburt des ersten Kindes verändert sich die Rollenverteilung häufig. Was zunächst wie eine Anpassung an eine intensive Lebensphase aussieht, kann Erwerbsarbeit, Betreuung und Haushalt für viele Jahre prägen.
Vor dem ersten Kind sieht die Aufteilung anders aus
Der Unterschied zeigt sich bereits bei der Erwerbsarbeit. Laut Bundesamt für Statistik arbeiten in Paarhaushalten, in denen keine Kinder unter 25 Jahren leben, bei mehr als der Hälfte der Paare beide Vollzeit.
In Haushalten mit Kindern sieht das häufigste Modell anders aus. Dort arbeitet der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit. Gut die Hälfte der erwerbstätigen Frauen zwischen 25 und 54 Jahren arbeitet Teilzeit. Besonders verbreitet ist Teilzeitarbeit bei Müttern, die mit einem Partner und mindestens einem Kind unter 25 Jahren zusammenleben.
Bei den Männern arbeitet knapp jeder sechste Erwerbstätige Teilzeit. Väter mit kleinen Kindern entscheiden sich dabei häufiger für ein reduziertes Pensum als andere Männer. Es geht also nicht darum, dass sich bei Vätern nichts verändert. Mit der Familiengründung bewegen sich die Erwerbspensen beider Elternteile. Die Veränderungen fallen jedoch unterschiedlich aus.
Das zeigt sich auch ausserhalb der Erwerbsarbeit. In knapp der Hälfte der Paarhaushalte liegt die Hauptverantwortung für die Hausarbeit bei der Frau. Konkret sind es 49 Prozent.
Mit dem ersten Kind werden die Weichen gestellt
Dass sich die Aufteilung gerade beim Übergang zur Elternschaft verändert, ist kein kurzfristiger Effekt. Eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen aus dem Jahr 2023 kommt zu einem klaren Befund: Die Aufteilung von Betreuungs- und Erwerbsarbeit wird in der Regel bei der Geburt des ersten Kindes entschieden.
Bei weiteren Kindern verfestigt sich diese Aufteilung häufig. Während der betreuungsintensiven Jahre und oft auch darüber hinaus wird im Durchschnitt nicht mehr wesentlich davon abgewichen. Eine Entscheidung, die zunächst auf die ersten Monate oder Jahre mit einem Kind zugeschnitten sein kann, reicht damit weit in die Zukunft.
Das zeigt sich auch bei der Erwerbsbiografie von Müttern. Die BSV-Studie von 2023 hält fest, dass Mütter nach einer Geburt heute deutlich häufiger erwerbstätig sind als früher. Beim Einkommen ist die Entwicklung jedoch wesentlich schwächer. Jüngere der untersuchten Mütter verdienten zehn Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht viel mehr als Mütter früherer Jahrgänge.
Der Zeitpunkt rund um die erste Geburt wird damit zur Weichenstellung. Nicht zwingend, weil ein Paar beschliesst, die kommenden zehn Jahre nach einem bestimmten Modell zu organisieren. Vielmehr kann aus einer ersten pragmatischen Aufteilung eine Struktur entstehen, die bestehen bleibt.
Die Ungleichheit ist häufig gar nicht geplant
Diesen Übergang hat der Soziologe Jean-Marie Le Goff untersucht. Er ist Co-Autor einer Studie zu Paaren vor und nach dem Elternwerden.
Gegenüber SWI swissinfo.ch beschrieb Le Goff 2024 die Geburt des ersten Kindes als häufig tiefgreifende Veränderung. Vorher seien die Aufgaben mehr oder weniger gleich verteilt. Danach entwickle sich zunehmend eine ungleiche Verteilung.
Entscheidend ist dabei, dass diese Entwicklung laut Le Goff weder gewollt noch zwingend bewusst entsteht. Viele Eltern gingen vor der Geburt davon aus, dass sie ihre bisherige Aufgabenteilung auch mit einem Kind fortsetzen könnten. Die Realität nach der Geburt sehe jedoch anders aus. Das macht den Unterschied zwischen Absicht und tatsächlicher Entwicklung sichtbar.
Denn an der grundsätzlichen Vorstellung von Fairness fehlt es offenbar nicht. Eine Studie des Schweizer Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften FORS aus dem Jahr 2022 bestätigt, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung für eine gleichmässige Aufteilung der Aufgaben eintritt. Der Wunsch nach Gleichverteilung und die spätere Realität können also gleichzeitig bestehen.
Frauen und Männer arbeiten beide viel, aber unterschiedlich
Wie stark sich bezahlte und unbezahlte Arbeit unterscheiden, zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik für 2024. Frauen zwischen 25 und 64 Jahren kamen insgesamt auf 61,1 Stunden bezahlte und unbezahlte Arbeit pro Woche. Bei den Männern derselben Altersgruppe waren es 57,8 Stunden. Der Unterschied liegt weniger in der Frage, wer überhaupt arbeitet, als darin, welche Arbeit geleistet wird.
Bei Frauen entfielen 62 Prozent ihrer gesamten Arbeitszeit auf unbezahlte Tätigkeiten. Allein für Haus- und Familienarbeit wendeten sie durchschnittlich 36,5 Stunden pro Woche auf. Bei Männern war das Verhältnis umgekehrt. Sie leisteten durchschnittlich 24,3 Stunden unbezahlte Arbeit und 33,5 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche.

Beide Seiten tragen damit eine erhebliche zeitliche Belastung. Ihre Wochen sind jedoch unterschiedlich zusammengesetzt. Auch die Frage, was ein Kind wirklich kostet, reicht deshalb über direkt sichtbare Ausgaben hinaus. Für Familien verändert sich mit einem Kind nicht nur das Haushaltsbudget, sondern häufig auch die Verteilung der verfügbaren Zeit.
Einige Aufgaben werden heute gleichmässiger geteilt
Die Unterschiede verlaufen nicht durch den gesamten Haushalt. Bei verschiedenen Tätigkeiten hat sich die Aufteilung angenähert. Einkaufen, Gartenarbeit und administrative Aufgaben werden laut den BFS-Zahlen von 2024 inzwischen häufig gleichmässiger aufgeteilt. Bei den besonders regelmässigen und zeitintensiven Arbeiten bleiben die Unterschiede dagegen deutlich.

Frauen wenden durchschnittlich 9,5 Stunden pro Woche fürs Kochen auf, Männer 5,9 Stunden. Beim Putzen sind es 5,2 Stunden bei Frauen und 2,7 Stunden bei Männern. Für Waschen und Arbeiten rund um die Wäsche kommen Frauen auf 6,0 Stunden, Männer auf 2,6 Stunden.
Bei handwerklichen Tätigkeiten kehrt sich das Verhältnis um. Männer wenden dafür mit 5,5 Stunden knapp doppelt so viel Zeit auf wie Frauen. Die Verteilung lässt sich deshalb nicht darauf reduzieren, dass eine Seite im Haushalt tätig ist und die andere nicht. Unterschiede zeigen sich vielmehr darin, welche Aufgaben übernommen werden und wie viel Zeit diese beanspruchen.
Gerade Tätigkeiten wie Kochen, Putzen und Waschen kehren im Familienalltag laufend wieder.
Warum die erste Aufteilung so lange bestehen kann
Dass Paare nach der Geburt nicht einfach bei ihrem vorherigen Modell bleiben, geschieht nicht unabhängig von den Rahmenbedingungen. Die Geburt verändert den Alltag unmittelbar. Betreuung muss organisiert werden, Erwerbspensen müssen zum Familienleben passen und zusätzliche Hausarbeit muss erledigt werden. Gleichzeitig gibt es in der Schweiz keine Elternzeit, die beide Partner unter sich aufteilen können.
Welche Lösung ein Paar in dieser Situation findet, kann zunächst pragmatisch erscheinen. Einer reduziert stärker, der andere bleibt näher am bisherigen Erwerbspensum. Aufgaben zu Hause verteilen sich neu. Aus einer Lösung für die erste Zeit entsteht ein Alltag.
Die BSV-Studie von 2023 zeigt, weshalb dieser Moment langfristig so bedeutsam ist. Die bei der ersten Geburt entstandene Aufteilung wird bei weiteren Kindern häufig verfestigt und später meist nicht grundsätzlich verändert. Damit bekommt auch die Frage, ob Kinder heute ein Luxus geworden sind, eine weitere Dimension. Neben direkten finanziellen Belastungen verändert die Familiengründung die verfügbare Zeit und häufig die Erwerbsmodelle der Eltern.
Das erklärt nicht jede Familie und nicht jedes Paar. Es sagt auch nicht, dass eine bestimmte Aufteilung richtig oder falsch ist. Vollzeit, Teilzeit und unterschiedliche Formen der Betreuung können bewusste Entscheidungen sein.
Die Schweizer Zahlen zeigen jedoch ein wiederkehrendes Muster: Vor dem ersten Kind ist die Arbeit bei vielen Paaren gleichmässiger verteilt. Nach der Geburt verschieben sich Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Betreuung. Und was als Anpassung an eine neue Lebensphase beginnt, bleibt häufig weit über diese erste Phase hinaus bestehen.



