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Erziehung & Bildung

Wenn Jugendliche ihre Sorgen einem Chatbot erzählen

Adrian Steiner
von
Adrian Steiner
27.08.2026
Jugendlicher sitzt abends auf dem Sofa und schaut auf sein Smartphone
Für manche Jugendliche ist das Smartphone auch ein Ort, an dem sie persönliche Sorgen formulieren.
Darum gehts
  • Jeder zehnte Jugendliche in der Schweiz wendet sich bei Problemen an eine KI.
  • Fachleute sehen darin nicht per se etwas Schlechtes, warnen aber vor einer Endlosschleife.
  • Der wichtigste Rat an Eltern lautet, im Gespräch zu bleiben.

Statt mit den Eltern oder einer Freundin zu sprechen, tippt ein Jugendlicher seine Sorgen abends in ein Chatfenster. Die Antwort kommt sofort, freundlich und ohne sichtbare Irritation. In der Schweiz macht das inzwischen jeder zehnte Jugendliche. Das klingt zunächst nach einer grossen Veränderung. Die Zahlen zeigen aber auch: Für die meisten jungen Menschen ist die KI nur eine von mehreren Möglichkeiten, mit Problemen umzugehen.

Was die Zahlen wirklich zeigen

Die Pro Juventute Jugendstudie 2026 hat erstmals danach gefragt, ob Jugendliche und junge Erwachsene bei Problemen auch eine künstliche Intelligenz wie ChatGPT nutzen. Jede und jeder Zehnte gibt an, sich in solchen Situationen an eine KI zu wenden. Etwa gleich viele suchen bei Sorgen Unterstützung bei Fachstellen und Beratungsangeboten wie der Nummer 147.

Für die Studie wurden 960 in der Schweiz lebende Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren befragt. Die repräsentative Erhebung entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Susanne Walitza von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Yougov Schweiz.

Die Zahl zur KI sollte allerdings nicht isoliert betrachtet werden. 88 Prozent der Befragten geben an, sich psychisch wohlzufühlen. Auch das Verhältnis zum persönlichen Umfeld ist bei der grossen Mehrheit gut. Die meisten Jugendlichen berichten von guten Beziehungen zu ihren Eltern und Freunden.

Das Bild einer Generation, die sich von ihrem Umfeld zurückzieht und stattdessen nur noch einem Chatbot ihre Sorgen anvertraut, lässt sich aus der Studie deshalb nicht ableiten. KI ist für einen Teil der Jugendlichen ein zusätzlicher Gesprächskanal. Sie steht neben Gesprächen mit Freunden, Familie oder professionellen Anlaufstellen.

Dass bereits jeder zehnte Jugendliche diesen Weg nutzt, ist dennoch relevant. Mit Chatbots ist eine Form des Austauschs entstanden, die jederzeit verfügbar ist und sich deutlich von einem persönlichen Gespräch unterscheidet.

Warum ein Chatbot attraktiv ist

Über Sorgen zu sprechen, setzt Vertrauen voraus. Man muss formulieren, was einen beschäftigt, und weiss vorher nicht, wie das Gegenüber reagieren wird. Besonders bei sehr persönlichen Themen kann diese Hürde hoch sein.

Ein Chatbot kennt diese soziale Situation nicht. Er ist rund um die Uhr erreichbar, wird nicht sichtbar ungeduldig und reagiert nicht mit einem enttäuschten oder überraschten Gesicht. Jugendliche müssen sich vor ihm nicht schämen und können ein Thema ansprechen, ohne vorher entscheiden zu müssen, wem sie es erzählen möchten.

Jugendliche Person schaut abends unter einer Decke auf ihr Smartphone
Ein Chatbot ist jederzeit erreichbar. Diese niedrige Schwelle kann für Jugendliche attraktiv sein, wenn sie über Persönliches sprechen möchten.

Hinzu kommt die Art, wie solche Systeme kommunizieren. Chatbots antworten häufig bestätigend und gefällig. Das kann empathisch wirken und das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden. Für jemanden, dem es schwerfällt, über Persönliches zu sprechen, entsteht dadurch eine niedrige Schwelle.

Ein Jugendlicher kann zunächst vorsichtig formulieren, eine Antwort lesen und danach entscheiden, ob er weiterschreiben möchte. Es braucht keinen Termin und keine Erklärung dafür, warum man gerade ein Gespräch sucht.

Diese Eigenschaften erklären, weshalb KI bei Sorgen attraktiv sein kann. Sie machen einen Chatbot aber nicht zu einem Menschen und auch nicht automatisch zu einer geeigneten professionellen Beratung.

Wo Fachleute die Grenze ziehen

Nicole Platel, Direktorin von Pro Juventute, bewertet die Entwicklung nicht grundsätzlich negativ. Ein Gespräch mit einer KI könne ein niederschwelliger erster Schritt sein. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, was danach passiert.

Problematisch kann es werden, wenn aus diesem ersten Schritt eine Endlosschleife entsteht. Platel warnt vor einer digitalen Echokammer, in der Jugendliche immer wieder ihre Gedanken mit einer KI besprechen, ohne den Weg zu einer realen Bezugsperson oder zu professioneller Unterstützung zu finden.

Die bestätigende Kommunikation eines Chatbots spielt dabei eine besondere Rolle. Was sich angenehm und verständnisvoll anfühlt, muss einen Menschen nicht zwangsläufig weiterbringen. Bei ernsten oder länger anhaltenden Problemen kann menschliche Unterstützung etwas leisten, das ein Chatfenster nicht ersetzen kann.

Für Eltern bedeutet die Nutzung eines Chatbots deshalb nicht automatisch, dass etwas schiefläuft. Ein Jugendlicher kann mit einer KI schreiben und gleichzeitig gute Beziehungen zu Eltern und Freunden haben. Die Studienergebnisse sprechen sogar dafür, dass dies bei vielen der Fall ist.

Aufmerksam werden sollten Erwachsene eher dann, wenn sich ein junger Mensch zunehmend zurückzieht und andere Möglichkeiten der Unterstützung nicht mehr nutzt. Der relevante Unterschied liegt zwischen einem zusätzlichen Kanal und einem Ersatz für menschlichen Kontakt.

Was Jugendliche tatsächlich belastet

Wer verstehen möchte, warum Jugendliche überhaupt nach Möglichkeiten suchen, über Sorgen zu sprechen, findet in der Studie konkrete Hinweise. Der grösste Stressfaktor ist weiterhin Schule und Ausbildung. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen fühlt sich dadurch unter Druck. Bei jungen Frauen betrifft dies fast jede zweite.

Jugendlicher sitzt mit Kopfhörern am Tisch und lernt
Schule und Ausbildung bleiben laut Pro Juventute Jugendstudie der grösste Stressfaktor für junge Menschen.

Auch die berufliche Zukunft beschäftigt junge Menschen stärker. Rund ein Drittel macht sich darüber Sorgen. Bei der ersten Erhebung im Jahr 2024 war es noch ein Viertel. Schule, Ausbildung und die Frage, wie es danach weitergeht, gehören damit zu den zentralen Belastungen.

Daneben spielt das familiäre Umfeld eine Rolle. Rund ein Viertel der Befragten fühlt sich von den eigenen Eltern unverstanden. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass das Verhältnis grundsätzlich schlecht sein muss. Die Studie zeigt gleichzeitig, dass die grosse Mehrheit ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und Freunden hat.

Unterschiede zeigen sich auch darin, wie Jugendliche mit Problemen umgehen. Junge Frauen sprechen häufiger mit Freundinnen, Eltern oder Geschwistern darüber. Sie wenden sich zudem dreimal so häufig an Fachpersonen wie männliche Befragte.

Jeder zehnte Jugendliche und junge Erwachsene befindet sich aktuell in psychotherapeutischer Behandlung. Bei Mädchen und jungen Frauen ist der Anteil doppelt so hoch wie bei den männlichen Befragten.

Diese Zahlen ergeben kein einheitliches Bild einer psychisch belasteten Generation. Sie zeigen vielmehr unterschiedliche Situationen und unterschiedliche Wege, mit Belastungen umzugehen. Für manche gehört inzwischen auch ein Chatbot dazu.

Was Eltern tun können, und was besser nicht

Für Eltern kann es irritierend sein, wenn das eigene Kind persönliche Gedanken lieber in ein Chatfenster schreibt als sie am Küchentisch zu erzählen. Der Rat von Pro Juventute ist dennoch nicht, KI zu verbieten oder ihre Nutzung zum Konfliktthema zu machen. Eltern sollen vor allem im Kontakt bleiben und nicht nachlassen.

Das bedeutet nicht, Jugendliche ständig nach ihren Problemen auszufragen. Ein Gespräch lässt sich nicht erzwingen. Eltern können aber signalisieren, dass sie ansprechbar sind, zuhören und auch dann verfügbar bleiben, wenn ein erster Gesprächsversuch abgewiesen wird.

Zwei junge Frauen sitzen auf einem Sofa und sprechen miteinander
Persönliche Gespräche bleiben wichtig. Pro Juventute rät Eltern, im Kontakt zu bleiben und Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

Von einer Massnahme rät Nicole Platel ausdrücklich ab: Eltern sollten auf keinen Fall die Chatprotokolle ihres Kindes lesen. Sie vergleicht das mit dem heimlichen Lesen eines Tagebuchs. Der Einblick mag Eltern vermeintlich mehr Sicherheit geben, kann aber einen erheblichen Vertrauensbruch bedeuten.

Hilfreicher ist es, über die Nutzung selbst zu sprechen. Eltern können sich dafür interessieren, wofür ihr Kind einen Chatbot verwendet und wie es die Antworten erlebt, ohne den Inhalt privater Gespräche einzufordern. Ein solches Gespräch muss nicht mit einer Warnung vor KI beginnen.

Auch ein Verbot löst die grundlegende Frage nicht, an wen sich Jugendliche wenden, wenn sie etwas belastet. Der direkte Dialog bleibt deshalb zentral. Das gilt selbst dann, wenn Gespräche stocken, Jugendliche wenig erzählen oder Eltern nicht sofort wissen, wie sie reagieren sollen.

Persönliche Gespräche brauchen Raum und Aufmerksamkeit. Mehr dazu zeigt unser Beitrag «Das Handy als Babysitter: Wie wir unseren Kindern das Gespräch abgewöhnen».

Eltern müssen dabei nicht jede Sorge allein auffangen. Wenn Jugendliche Unterstützung benötigen oder lieber zunächst ausserhalb der Familie mit jemandem sprechen möchten, steht ihnen die Beratung 147 von Pro Juventute rund um die Uhr und kostenlos zur Verfügung.

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