Es ist der zweite Ferientag, kurz vor dem Mittag, und aus dem Kinderzimmer kommt zum vierten Mal an diesem Morgen ein empörtes «Mamaaa, er hat angefangen!». Wer mehrere Kinder hat, kennt diesen Moment. Sobald die Struktur der Schule wegfällt und die Geschwister wochenlang aufeinanderhocken, häufen sich die Reibereien. Was Eltern in den Ferien oft an den Rand der Verzweiflung bringt, ist aber weniger ein Erziehungsproblem als ein ganz normaler Teil des Aufwachsens. Und meistens hilft genau das Gegenteil von dem, was der erste Impuls sagt.
Vier Streits vor dem Mittagessen
Das Auto ist gepackt, der Ausflug in die Badi geplant, doch vorher kracht es bereits zum vierten Mal. Erst geht es um den roten Becher, dann um den Fensterplatz am Frühstückstisch und wenig später darum, wer zuerst ins Badezimmer darf.
Ferien fühlen sich für Kinder oft anders an als der gewohnte Alltag. Die Schule fällt weg, Freundinnen und Freunde sind nicht ständig erreichbar und plötzlich verbringen Geschwister fast jede Stunde miteinander. Was im Schulalltag durch Unterricht, Hobbys oder getrennte Klassen entzerrt wird, spielt sich nun auf engem Raum ab.
Dass dabei häufiger Konflikte entstehen, überrascht Fachleute nicht. Gerade Hitze, weniger Rückzugsmöglichkeiten und der Wegfall fester Tagesstrukturen sorgen dafür, dass kleine Auseinandersetzungen schneller eskalieren.
Kinderschutz Schweiz ordnet das eindrücklich ein: Zwischen zwei und vier Jahren gibt es unter Geschwistern durchschnittlich etwa alle zehn Minuten Streit. Gleichzeitig verbringen Kinder zwischen drei und fünf Jahren oft mehr als doppelt so viel Zeit mit ihren Geschwistern wie mit ihren Eltern. Geschwister prägen sich deshalb gegenseitig mindestens ebenso stark wie ihre Mutter oder ihr Vater.
Warum die Ferien den Streit anheizen
Hinter dem Streit geht es selten wirklich um den letzten Sirup oder den Platz auf dem Sofa. Viel häufiger steckt etwas Grundsätzlicheres dahinter.
Nach Einschätzung von Kinderschutz Schweiz drehen sich Geschwisterkonflikte oft um zwei Bedürfnisse: Jedes Kind möchte die Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern spüren. Gleichzeitig wird untereinander ständig ausgehandelt, wer gerade bestimmen darf, wer stärker ist oder wer zuerst an der Reihe ist.
Ferien verstärken genau diese Dynamik. Während der Schulzeit hat jedes Kind seinen eigenen Alltag, eigene Freundschaften und eigene Erfolgserlebnisse. In den Sommerferien fällt ein grosser Teil davon weg. Stattdessen verbringen Geschwister tageweise miteinander, häufig ohne längere Pausen.
Gerade deshalb muss häufiger ausgehandelt werden, wer welches Spiel auswählt, wer zuerst drankommt oder wie gemeinsam gespielt wird. Konflikte entstehen dadurch nicht, weil etwas schiefläuft, sondern weil Kinder soziale Beziehungen täglich neu gestalten.
Weshalb Streiten sogar wichtig ist
So anstrengend der Lärm im Kinderzimmer sein kann, Streit gehört zur normalen Entwicklung dazu.

Der Zürcher Entwicklungspsychologe Prof. Moritz Daum erklärt sinngemäss, dass sich Streit unter Kindern nicht vermeiden lasse und gerade Geschwister immer wieder aneinandergeraten. Entscheidend sei nicht, jeden Konflikt zu verhindern, sondern dass Kinder lernen, auch wieder aus einem Streit herauszufinden. Wenn sie sich grundsätzlich mögen, hält ihre Beziehung eine gewisse Rivalität gut aus. Weitere Informationen dazu, warum Streit unter Geschwistern normal ist, bietet Kinderschutz Schweiz.
Genau dabei entstehen Fähigkeiten, die Kinder ihr ganzes Leben brauchen. Sie lernen, die eigenen Bedürfnisse zu formulieren, Grenzen zu setzen, Kompromisse auszuhandeln, Rücksicht zu nehmen und sich nach einem Konflikt wieder zu versöhnen.
Wer also morgens laut streitet und am Nachmittag gemeinsam eine Höhle aus Sofakissen baut, zeigt oft genau diese Entwicklung. Der Streit war nicht das Ende der Beziehung, sondern ein Teil davon.
Der Fehler, den fast alle Eltern machen
Wenn zum vierten Mal an diesem Morgen «Er hat angefangen!» durchs Haus hallt, ist der Reflex verständlich. Eltern wollen den Streit möglichst rasch beenden, eine gerechte Lösung finden und wieder Ruhe einkehren lassen.
Genau hier liegt jedoch häufig der grösste Fehler.
Prof. Moritz Daum rät dazu, zunächst abzuwarten. Oft ist der Auslöser eines Streits viel kleiner, als er im ersten Moment wirkt. Nicht selten wenden sich die Kinder nach wenigen Minuten bereits einem neuen Spiel zu oder finden selbst einen Kompromiss. Wer sofort eingreift, nimmt ihnen genau diese Möglichkeit.
Auch die klinische Psychologin Tanja Legenbauer warnt davor, dass Eltern als Problemlöser auftreten und den Konflikt auf ihre Weise beenden. Dann gibt es häufig einen Gewinner und einen Verlierer. Gerade unter Geschwistern kann das die Rivalität sogar verstärken. Finden Kinder selbst eine Lösung, erleben sie hingegen, dass sie Konflikte eigenständig bewältigen können.
Dazu passt auch eine Beobachtung der Pädagogin Mechthild Dörfler. Kinder lösen jeden Tag zahlreiche Konflikte erfolgreich selbst. Erwachsene bemerken das oft gar nicht, weil diese Auseinandersetzungen leise verlaufen. Aufmerksamkeit erhält meist erst der Streit, der laut wird.
Wann Eltern wirklich eingreifen müssen
Abwarten bedeutet jedoch nicht, Kinder sich selbst zu überlassen.
Greifen Sie ein, wenn ein Streit eskaliert, wenn geschubst, gehauen oder getreten wird oder wenn Beschimpfungen und Verletzungen die Oberhand gewinnen. Ebenso wichtig ist es, aufmerksam zu werden, wenn ein jüngeres oder schwächeres Kind dauerhaft unterlegen ist, ausgegrenzt wird oder sich nicht mehr selbst behaupten kann.
Dann hilft es, ruhig zwischen die Kinder zu gehen, notfalls auch körperlich, um die Situation zu trennen. Schuldzuweisungen oder Strafen bringen in diesem Moment meist wenig. Wichtiger ist es, zunächst für Ruhe zu sorgen und danach gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Ab etwa vier Jahren können Kinder dabei zunehmend selbst Ideen entwickeln. Eltern begleiten den Prozess eher als Moderatorinnen und Moderatoren denn als Richter. Kleinere Kinder brauchen noch deutlich mehr Unterstützung, während Schulkinder Schritt für Schritt lernen dürfen, Konflikte eigenständig zu lösen.
Belasten heftige Geschwisterkonflikte den Familienalltag dauerhaft oder kommt es immer wieder zu Gewalt, kann eine Erziehungsberatungsstelle helfen. Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern oft der beste Weg, um festgefahrene Muster zu verändern.
Wie man den Ferienfrieden etwas rettet
Ein vollkommen streitfreier Sommer ist in Familien mit mehreren Kindern kaum realistisch. Ein paar einfache Gewohnheiten können den Alltag aber entspannen.

Hilfreich sind klare Streitregeln. Wer spricht, darf ausreden. Wird der Ton zu laut oder fliegen Gegenstände durchs Zimmer, wird die Auseinandersetzung unterbrochen, bis sich alle wieder beruhigt haben.
Ebenso wichtig sind kleine Rückzugsmöglichkeiten. Gerade in den Ferien tut es jedem Kind gut, zwischendurch einmal allein spielen, lesen oder Zeit mit einem Elternteil verbringen zu dürfen. Wer ständig aufeinanderhockt, braucht auch einmal Abstand. Dass solche ruhigen Momente Kindern guttun, zeigen wir auch im Artikel Warum das gelangweilte Kind im Sommer mehr lernt als das durchgeplante.
Im Familienalltag zählt zudem weniger, dass alles exakt gleich verteilt wird, sondern dass sich jedes Kind fair behandelt fühlt. Gerecht ist nicht immer identisch.
Vielleicht ist das die grösste Entlastung dieses Sommers: Häufiger Geschwisterstreit bedeutet nicht, dass Eltern versagt haben. Oft zeigt er vielmehr, dass Kinder gerade lernen, miteinander zu leben, zu verhandeln und Konflikte auszuhalten. Und nicht selten sitzen genau jene Geschwister, die sich morgens noch lautstark um ein Spielzeug gestritten haben, am Nachmittag wieder gemeinsam im selbst gebauten Versteck. Genau darin zeigt sich, wie belastbar ihre Beziehung meist tatsächlich ist.



