Mehr als 80 Prozent der 15-Jährigen in der Schweiz nutzen soziale Netzwerke täglich. Bei den 11- bis 15-Jährigen weisen rund sieben Prozent eine problematische Nutzung sozialer Medien auf. Das betrifft eine Minderheit, aber keine kleine. Gleichzeitig bedeutet die Zahl, dass bei rund 93 Prozent keine problematische Nutzung festgestellt wurde.
Die Diskussion darüber landet schnell bei den Eltern: Regeln aufstellen, Bildschirmzeiten begrenzen, das Smartphone weglegen. Doch Eltern treffen dabei auf digitale Angebote, die Mechanismen enthalten können, die zu möglichst langer Nutzung animieren. Gleichzeitig zeigen aktuelle Schweizer Daten, dass Jugendliche soziale Medien keineswegs nur gedankenlos konsumieren.
Problematische Nutzung betrifft eine Minderheit
Fast 80 Prozent der 11- bis 15-Jährigen nutzen soziale Medien täglich oder mehrmals pro Woche. Bei den 15-Jährigen allein liegt der Anteil der täglichen Nutzerinnen und Nutzer bei mehr als 80 Prozent. Soziale Netzwerke gehören damit für einen grossen Teil der Jugendlichen zum Alltag.
Die Zahlen stammen aus der nationalen HBSC-Erhebung 2022. Daran beteiligten sich 636 Klassen mit insgesamt 9345 Schülerinnen und Schülern zwischen 11 und 15 Jahren. Sucht Schweiz führt die Untersuchung alle vier Jahre durch. Finanziert wird sie vom Bundesamt für Gesundheit und der Mehrzahl der Kantone, zudem ist sie Teil einer internationalen Studie unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation.
Bei rund sieben Prozent der 11- bis 15-Jährigen wurde eine problematische Nutzung sozialer Medien festgestellt, Mädchen waren häufiger betroffen als Jungen. Der Begriff ist dabei entscheidend: Problematische Nutzung ist nicht gleichbedeutend mit einer diagnostizierten Suchterkrankung. Ebenso wichtig ist die andere Seite der Zahl. Rund 93 Prozent fallen nicht in diese Gruppe.

Digitale Mechanismen machen das Aufhören schwieriger
Die Frage, wie lange Kinder und Jugendliche am Smartphone bleiben, lässt sich deshalb nicht allein mit Disziplin erklären. Sucht Schweiz weist darauf hin, dass viele Videospiele und auch manche sozialen Medien Mechanismen enthalten, die dazu animieren, möglichst viel Zeit mit diesen Aktivitäten zu verbringen oder möglichst viel Geld auszugeben.
Ein Beispiel dafür sind Lootboxen. Dabei handelt es sich um digitale Schatzkisten mit zufälligen Inhalten, die gegen Geld erworben werden können. Jugendliche können sie über Mikrotransaktionen innerhalb eines Spiels kaufen, ohne vorher genau zu wissen, welchen Inhalt sie erhalten.
Solche Mechanismen verschieben den Blick auf die Bildschirmzeit. Regeln innerhalb der Familie bleiben möglich, sie stehen aber einem Angebot gegenüber, das die weitere Nutzung begünstigen kann.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jedes soziale Netzwerk oder jedes Videospiel gleich funktioniert. Ebenso wenig sagen die vorliegenden Quellen etwas darüber aus, welche Absichten einzelne Unternehmen intern verfolgen. Belegt ist, dass entsprechende Mechanismen in digitalen Angeboten vorkommen.
Eltern erziehen nicht gegen einen neutralen Bildschirm
Für Familien entsteht dadurch ein Konflikt, der mit einer einfachen Zeitvorgabe nicht vollständig gelöst ist. Eltern können bestimmen, wann das Smartphone beim Essen weggelegt wird oder ob es nachts im Kinderzimmer bleibt. Sie können aber nicht verändern, wie ein Spiel oder eine Plattform aufgebaut ist.
Das macht Regeln nicht überflüssig. Es erklärt vielmehr, warum die Verantwortung nicht vollständig bei der einzelnen Familie liegen kann. Der Einfluss der Erziehung endet dort, wo Eltern keinen Zugriff auf die technische Gestaltung haben.

Jugendliche wollen sich erstaunlich selten selbst darstellen
Einen anderen Blick auf soziale Medien liefert die JAMES-Focus-Studie 2025. Erstmals wurde in der Schweiz untersucht, aus welchen Gründen Jugendliche soziale Medien nutzen. Neun von zehn Jugendlichen verwenden sie täglich oder zumindest wöchentlich.
Die häufigste Motivation ist Unterhaltung. 57 Prozent der befragten Jugendlichen nennen diesen Grund. Mit 46 Prozent folgt bereits die Informationssuche. Nur vier Prozent geben an, soziale Medien zu nutzen, um sich selbst darzustellen.
Dieser Befund widerspricht einem verbreiteten Bild, nach dem Jugendliche auf sozialen Plattformen vor allem Aufmerksamkeit für die eigene Person suchen. Instagram und TikTok gehören zwar zu den besonders beliebten Plattformen, doch die Motive der Jugendlichen sind vielfältiger. Unterhaltung und die Suche nach Informationen spielen eine wesentlich grössere Rolle als Selbstdarstellung.
Gerade bei der Informationssuche sehen die Jugendlichen selbst ein Problem. Sie berichten, vermehrt mit Fake News konfrontiert zu sein. Die Untersuchung kommt zugleich zum Befund, dass sie sich der Gefahren sozialer Medien bewusster sind als früher.
Das macht Jugendliche nicht automatisch zu souveränen Nutzerinnen und Nutzern, die keine Begleitung mehr brauchen. Es zeigt aber, dass sie Risiken selbst wahrnehmen und soziale Medien nicht nur passiv konsumieren. Wer mit Jugendlichen über ihre Nutzung spricht, trifft deshalb auf Erfahrungen und Einschätzungen, die in die Diskussion einbezogen werden können.
Gefordert werden Grenzen für das Plattformdesign
Die Verantwortung für einen gesunden Umgang mit sozialen Medien wird zunehmend auch auf politischer Ebene diskutiert. Kinderschutzorganisationen fordern, süchtig machendes Plattformdesign zu verbieten. Im Zentrum steht damit nicht nur die Frage, wie Eltern die Nutzung ihrer Kinder begrenzen, sondern auch, welche Gestaltung digitaler Angebote gegenüber Minderjährigen zulässig sein soll.
Eine konkrete Forderung betrifft endlose Feeds. Für Kinder und Jugendliche sollen diese begrenzt werden, damit Inhalte nicht ohne natürlichen Endpunkt immer weiter angezeigt werden. Damit würde eine Grenze dort angesetzt, wo Eltern selbst keinen direkten Einfluss haben: bei der Gestaltung der Plattform.
Was Eltern weiterhin beeinflussen können
Auch wenn Eltern das Design einer Plattform nicht verändern können, bleibt ihr Einfluss im Familienalltag erheblich. Statt nur Minuten zu zählen, können sie sich dafür interessieren, was ihr Kind auf dem Smartphone macht. Unterhaltung, Informationssuche, Gespräche mit anderen oder die eigene Selbstdarstellung sind unterschiedliche Formen der Nutzung und können entsprechend unterschiedliche Gespräche auslösen.
Gerade die JAMES-Focus-Ergebnisse bieten dafür einen Ansatzpunkt. Wenn Jugendliche soziale Medien auch zur Informationssuche verwenden und selbst Fake News als Problem wahrnehmen, kann die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Inhalten Teil des Familienalltags werden. Eltern müssen dafür nicht jede Plattform besser kennen als ihre Kinder.
Klare Regeln können ebenfalls ihren Platz haben. Wann Smartphones weggelegt werden, welche Situationen innerhalb der Familie bildschirmfrei bleiben oder wie mit Käufen in digitalen Angeboten umgegangen wird, lässt sich gemeinsam festlegen. Solche Regeln lösen die Mechanismen der Plattformen nicht auf, schaffen aber Grenzen im eigenen Alltag.
Hilfreich ist dabei, problematische Nutzung nicht vorschnell mit Sucht gleichzusetzen. Veränderungen im Umgang mit dem Smartphone können Anlass sein, genauer hinzuschauen und miteinander zu sprechen, ohne daraus selbst eine Diagnose abzuleiten. Wenn Eltern sich ernsthaft Sorgen um die Nutzung ihres Kindes machen, können sie sich an eine Fachstelle wenden und die Situation professionell einordnen lassen.



