85 Prozent der untersuchten Kinder spielten draussen in ihrem Wohnumfeld. Doch nur 34 Prozent von ihnen taten dies ohne Aufsicht ihrer Eltern. Die Zahlen stammen aus einer Schweizer Studie mit Kindern zwischen fünf und neun Jahren. Auf den ersten Blick scheinen sie das bekannte Bild übervorsichtiger Eltern zu bestätigen. Doch die Untersuchung kommt zu einem anderen Ergebnis: Entscheidend dafür, wie frei sich Kinder bewegen können, ist vor allem das Wohnumfeld. Die Debatte über Überbehütung greift deshalb zu kurz, wenn sie allein auf die Eltern schaut.
Wie frei Kinder draussen tatsächlich sind
Für die Studie «Freiraum für Kinder» im Auftrag von Pro Juventute untersuchten Peter Höfflin und Baldo Blinkert die Situation von 649 Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren in der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz. Die Eltern machten Angaben zum Spielverhalten ihrer Kinder an drei Werktagen.
Die Untersuchung wurde im November 2016 veröffentlicht. Die Zahlen sind deshalb keine aktuelle Bestandsaufnahme darüber, wie Kinder in der Schweiz heute ihre Freizeit verbringen. Der zentrale Befund der Studie ist für die Diskussion über Überbehütung dennoch aufschlussreich.
An den drei untersuchten Werktagen spielten 85 Prozent der Kinder draussen in ihrem Wohnumfeld. Von diesen Kindern waren jedoch nur 34 Prozent ohne Aufsicht der Eltern unterwegs.
Wer darin lediglich einen Beleg für besonders vorsichtige Mütter und Väter sieht, übersieht den wichtigsten Befund der Untersuchung. Die mit Abstand wichtigste Bedingung dafür, ob und wie Kinder draussen spielen konnten, war die Qualität ihres Aktionsraums und damit wesentlich das unmittelbare Wohnumfeld.
Freiheit beginnt vor der eigenen Haustür
Hinter dem etwas sperrigen Begriff «Aktionsraumqualität» steckt eine einfache Frage: Was findet ein Kind vor, wenn es die Haustür öffnet?
Die Studie berücksichtigt dabei unter anderem das soziale Klima in der Nachbarschaft, die Qualität des Wohnumfelds, die Einschätzung dieses Umfelds durch die Eltern und die Erreichbarkeit von Spielkameraden. Ein geeigneter Aktionsraum sollte für Kinder relativ gefahrlos, gut zugänglich und gestaltbar sein und ihnen ermöglichen, mit anderen Kindern zusammenzukommen. Auch Verkehrsbelastung, Gefahren durch den Strassenverkehr und erreichbare Freiräume spielen eine Rolle.
Es macht deshalb einen Unterschied, ob ein Kind vor der Haustür auf eine stark befahrene Strasse trifft oder sich in einer verkehrsarmen Umgebung mit geeigneten Spielmöglichkeiten bewegen kann.
Genau hier wird die übliche Diskussion über sogenannte Helikoptereltern zu einfach. Eltern entscheiden nicht unter identischen Bedingungen darüber, wie viel Freiheit sie ihren Kindern geben können.
Kinder können sich ihre Umgebung nicht aussuchen. Fehlen sichere Wege und geeignete Orte zum Spielen, lässt sich ihre Selbstständigkeit nicht allein durch eine lockerere Haltung der Eltern herstellen.
Das zeigt sich auch auf dem Schulweg. Die Diskussion darüber, warum Eltern ihre Kinder mit dem Elterntaxi zur Schule bringen, dreht sich ebenfalls um die Frage, wie sicher Kinder ihre täglichen Wege selbstständig bewältigen können.
Pro Juventute setzt sich deshalb für eine kinderfreundlichere Gestaltung des öffentlichen Raums ein. Dazu gehören sichere Verbindungen und Räume, die Kinder tatsächlich selbst nutzen können. Die Stiftung betont dabei, dass die Bedürfnisse von Kindern stärker in der Raumplanung berücksichtigt werden sollten.
Damit wird Überbehütung auch zu einer Frage der Umgebung. Wer nur das Verhalten der Eltern betrachtet, blendet aus, dass manche Familien ihren Kindern wesentlich leichter Freiräume ermöglichen können als andere.
Wenn auch die Freizeit durchgeplant ist
Das Wohnumfeld ist allerdings nicht die einzige Erklärung. Auch der Alltag einer Familie beeinflusst, wie viel ungeplante Zeit einem Kind bleibt.
Urs Kiener von Pro Juventute verweist auf überbehütete Kinder aus gut situierten Familien, deren Freizeit häufig stark strukturiert sei. Eltern wollten ihren Nachwuchs fördern und schickten die Kinder in Kurse, Klubs und Weiterbildungen. Die Absicht dahinter ist nachvollziehbar: Kinder sollen Möglichkeiten erhalten und ihre Fähigkeiten entwickeln können.
Doch dabei kann laut Kiener etwas Wichtiges auf der Strecke bleiben: das freie Spiel.

Gerade jene Zeit, in der Erwachsene nicht bereits festgelegt haben, was ein Kind tun soll, schafft einen anderen Freiraum. Kinder entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen, mit wem sie spielen und was aus einer zunächst langweiligen Situation entsteht. Dazu passt auch unser Beitrag darüber, warum das gelangweilte Kind im Sommer mehr lernt als das durchgeplante.
Auf der anderen Seite stehen Eltern, die beide arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen und möglicherweise in Überbauungen mit wenig kinderfreundlicher Umgebung leben. Auch hier wäre es zu einfach, fehlende Freiräume ausschliesslich als Erziehungsentscheidung zu betrachten.
Wenn Eltern zu viel schützen
Das Wohnumfeld und der Familienalltag erklären nicht jede Form von Überbehütung. Manche Eltern schützen ihr Kind stärker, als es die konkrete Situation erfordern würde. Doch selbst dann hilft es wenig, sie einfach als «Helikoptereltern» abzustempeln.
Der Psychotherapeut Felix Hof weist auf eine Seite des Themas hin, die in der öffentlichen Diskussion schnell verloren geht. Überbehütung könne im Leben der Eltern eine unterstützende und stabilisierende Funktion für ihr psychisches Befinden haben. Gleichzeitig wollten diese Eltern für ihren Nachwuchs nur das Beste.
Hof spricht Eltern nach eigenen Angaben auf überbehütendes Verhalten an. Dies müsse jedoch mit grosser Vorsicht und Empathie geschehen.
Damit verändert sich auch der Blick auf das Verhalten. Starkes Beschützen muss nicht bedeuten, dass Eltern ihrem Kind bewusst möglichst wenig zutrauen wollen. Für die betroffenen Eltern kann das Verhalten selbst eine wichtige Funktion erfüllen.

Das entschuldigt nicht jedes überbehütende Verhalten. Es erklärt aber, warum Vorwürfe wenig hilfreich sind.
Wann zu viel Schutz zum Problem wird
Kinder brauchen Schutz. Gleichzeitig brauchen sie mit zunehmendem Alter Gelegenheiten, selbst Entscheidungen zu treffen, Dinge auszuprobieren und Erfahrungen ohne unmittelbares Eingreifen der Eltern zu machen.
Hof sieht Handlungsbedarf, wenn Schwierigkeiten in der Autonomieentwicklung auftreten. Das bedeutet nicht, dass Überbehütung bestimmte psychische Erkrankungen verursacht.
Für Eltern ist deshalb weniger entscheidend, ob sie in irgendeine Kategorie von «Helikoptereltern» passen. Hilfreicher ist der Blick auf die konkrete Situation.
Welche Freiheiten lässt das Wohnumfeld tatsächlich zu? Wo besteht eine reale Gefahr? Wo wäre mehr Selbstständigkeit möglich, fällt es den Erwachsenen aber schwer, Kontrolle abzugeben? Und gibt es im Alltag überhaupt Zeit, in der das Kind nicht von einem Termin zum nächsten begleitet wird?
Schutz und Selbstständigkeit sind keine Gegensätze. Kinder brauchen beides. Entscheidend ist, ob sie mit zunehmendem Alter Möglichkeiten erhalten, eigene Erfahrungen zu machen und schrittweise mehr Verantwortung zu übernehmen.
Die Schweizer Befunde zeigen vor allem, warum die pauschale Kritik an überbehütenden Eltern zu kurz greift. Zwischen einem Kind und seiner Freiheit stehen nicht nur Mutter und Vater. Dort können auch Strassen, fehlende Spielräume, ein durchorganisierter Alltag und finanzielle Belastungen stehen.
Eltern, die unsicher sind, ob sie ihr Kind angemessen schützen oder ihm zu wenig Freiraum geben, können sich an die Elternberatung von Pro Juventute oder an eine geeignete Fachperson wenden.



