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Erziehung & Bildung

Cybermobbing nimmt stark zu: Warum Schulen handeln müssen

Adrian Steiner
von
Adrian Steiner
21.09.2026
Schüler und Erwachsene vor einem Schulgebäude
Wie Schulen auf Mobbing reagieren, hängt nicht nur von einzelnen Lehrpersonen ab, sondern von einer gemeinsamen Haltung.
Darum gehts
  • Cybermobbing hat seit 2017 um 70,6 Prozent zugenommen.
  • Die Schweiz fällt international besonders bei sozialer Ausgrenzung auf.
  • Ob Mobbing gestoppt wird, hängt wesentlich vom Handeln der Erwachsenen und der Schule ab.

Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen hat in der Schweiz seit 2017 um 70,6 Prozent zugenommen. Auch Mobbing in der Schule nahm zu. Gleichzeitig steigt der schulbezogene Stress und die psychische Widerstandsfähigkeit sinkt. Die Zahlen zeigen ein Problem, das nicht allein zwischen einzelnen Schülerinnen und Schülern gelöst werden kann. Entscheidend ist, wie Erwachsene reagieren. Denn wenn niemand eingreift, bleibt das nicht ohne Wirkung.

Cybermobbing hat um mehr als 70 Prozent zugenommen

Die Zahlen stammen aus KidsHealthCH, dem nationalen Monitoring-System des Bundesamts für Gesundheit zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zwischen null und 25 Jahren. Der erste Monitoring-Bericht wurde im Juni 2026 veröffentlicht. Sein Datenstand ist März 2026. Künftig soll alle vier Jahre ein neuer Bericht erscheinen.

Seit 2017 hat Cybermobbing demnach um 70,6 Prozent zugenommen. Beim Mobbing in der Schule beträgt die Zunahme 9,5 Prozent.

Die Entwicklung steht nicht für sich allein. Der schulbezogene Stress bei den 11- bis 15-Jährigen stieg im gleichen Zeitraum um 31,8 Prozent. 35 Prozent leiden mehrmals pro Woche unter wiederkehrenden körperlichen Beschwerden wie Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen. Das entspricht einer Zunahme um 38,5 Prozent. Die psychische Widerstandsfähigkeit, gemessen als Kontrollüberzeugung, sank um 25,4 Prozent.

Besonders betroffen sind Mädchen sowie Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Die negativen Entwicklungen häufen sich während der obligatorischen Schulzeit und in der Adoleszenz.

Diese Zahlen sagen nicht, dass all diese Entwicklungen durch Mobbing verursacht werden. Sie zeigen aber, in welchem Umfeld Schulen heute mit Mobbing und Cybermobbing umgehen müssen.

Bei Ausgrenzung fällt die Schweiz international auf

Dass Mobbing an Schweizer Schulen kein neues Phänomen ist, zeigte bereits die PISA-Studie 2018. Im internationalen Vergleich wies die Schweiz die höchste Rate an ausschliessenden und ausgrenzenden Verhaltensweisen auf.

Rund 13 Prozent der 15-Jährigen gaben an, dass man sich in den vergangenen zwölf Monaten mindestens ein paar Mal pro Monat über sie lustig gemacht habe. 2015 waren es noch 11 Prozent.

Auch bei der Verbreitung gemeiner Gerüchte zeigte sich eine Zunahme. 2018 berichteten 11 Prozent der Jugendlichen, dass Mitschülerinnen oder Mitschüler mindestens ein paar Mal pro Monat gemeine Gerüchte über sie verbreitet hätten. Drei Jahre zuvor waren es 7 Prozent.

Die Zahlen stammen aus einer älteren Erhebung. Zusammen mit der Entwicklung im aktuellen KidsHealthCH-Monitoring machen sie jedoch deutlich, dass Mobbing und Ausgrenzung keine Randthemen des Schulalltags sind.

Drei Schüler stehen gemeinsam vor einem Schulgebäude
Der Umgang miteinander prägt den Schulalltag weit über das Klassenzimmer hinaus.

Gerade Cybermobbing erweitert den Raum zusätzlich. Konflikte enden nicht zwangsläufig dort, wo das Schulhaus endet. Wie Jugendliche digitale Angebote nutzen und welche Rolle neue Technologien in ihrem Alltag spielen, beschäftigt uns auch in unserem Interview mit Jugendlichen über Chatbots.

Nicht jeder Streit ist Mobbing

Der Begriff Mobbing wird im Alltag schnell verwendet. Nicht jeder Streit, jede Beleidigung oder jeder Konflikt zwischen Kindern ist jedoch Mobbing.

RADIX definiert klare Voraussetzungen. Von Mobbing wird gesprochen, wenn negative und schädigende Handlungen wiederholt und systematisch über längere Zeit gegen eine bestimmte Person gerichtet sind.

Dabei müssen fünf Merkmale gleichzeitig erfüllt sein. Die angegriffene Person ist unterlegen. Die Angriffe erfolgen systematisch und häufig, beispielsweise wöchentlich. Sie dauern über einen längeren Zeitraum von drei bis vier Monaten oder länger an. Die betroffene Person hat kaum eine Möglichkeit, die Situation aus eigener Kraft zu beenden. Häufig geht es darum, sie aus der Klassengemeinschaft auszuschliessen.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Ein Konflikt zwischen zwei Kindern, die sich auf Augenhöhe gegenüberstehen, verlangt einen anderen Umgang als eine Situation, in der eine Person über Monate systematisch ausgegrenzt wird.

Gerade beim Mobbing stösst deshalb auch die Aufforderung, Kinder sollten ihre Probleme selbst lösen, an eine Grenze. Schülerinnen und Schüler schaffen es häufig nicht, eine solche Situation selbst zu beenden. Sie brauchen Unterstützung von Erwachsenen.

Nicht einzugreifen bleibt nicht neutral

Was Erwachsene tun, wird von Schülerinnen und Schülern genau beobachtet. Das gilt auch dafür, was sie nicht tun.

RADIX hält fest, dass Kinder und Jugendliche die Reaktionen ihrer Lehrpersonen auf Mobbing sehr genau wahrnehmen. Greift eine Lehrperson nicht ein, kann dies die Mobbenden in ihrem Verhalten bestärken. Gleichzeitig können Betroffene entmutigt werden, überhaupt Hilfe zu suchen.

Nicht-Eingreifen ist damit nicht wirkungslos. Es verändert die Situation ebenfalls.

Das bedeutet nicht, dass jede Lehrperson jeden Konflikt sofort erkennen kann. Mobbing kann für Erwachsene schwer sichtbar sein. Entscheidend ist, was geschieht, sobald Anzeichen wahrgenommen werden oder eine betroffene Person Hilfe sucht.

Lehrpersonen können durch ihr Verhalten dazu beitragen, eine Mobbingsituation zu verhindern. Ihr Verhalten kann eine bestehende Dynamik aber auch begünstigen. Diese Verantwortung lässt sich nicht dadurch auflösen, dass Mobbing als Angelegenheit zwischen Kindern betrachtet wird.

Wegschauen ist deshalb ebenfalls eine Entscheidung. Nicht zwingend eine bewusste Entscheidung für die Mobbenden, aber eine Entscheidung mit Folgen für die bestehende Dynamik.

Warum einzelne engagierte Lehrpersonen nicht reichen

Damit liegt die Verantwortung jedoch nicht allein bei der einzelnen Lehrperson. Eine Schule kann den Umgang mit Mobbing nicht davon abhängig machen, in welcher Klasse ein Kind sitzt oder wie sicher sich eine bestimmte Lehrperson in einer schwierigen Situation fühlt.

Hier kommt die Schulleitung ins Spiel.

RADIX weist Schulleitungen eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der Schulkultur zu. Entscheidend ist eine klare und konsequente Haltung, die Mobbing nicht toleriert und die Schule aktiv als angstfreien und wohlwollenden Ort für alle fördert.

Eine solche Haltung muss mehr sein als ein Satz in einem Leitbild. Schülerinnen und Schüler müssen wissen, dass Erwachsene reagieren. Lehrpersonen müssen wissen, welche Linie ihre Schule verfolgt. Und Eltern müssen darauf vertrauen können, dass Hinweise nicht davon abhängen, wer sie entgegennimmt.

Diese Verantwortung betrifft auch den digitalen Schulalltag. Die Debatte über Handys an Schulen und ein mögliches Handyverbot zeigt, dass Regeln allein nicht genügen. Entscheidend ist, welche gemeinsame Haltung eine Schule im Umgang mit digitalen Räumen entwickelt.

Eine gute einzelne Lehrperson kann für ein betroffenes Kind entscheidend sein. Sie kann aber keine schulweite Haltung ersetzen.

Lehrperson steht vor Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer
Einzelne engagierte Lehrpersonen können viel bewirken. Entscheidend ist jedoch eine gemeinsame Haltung der gesamten Schule.

Genau deshalb ist Mobbing auch eine Führungsfrage. Die Schulleitung bestimmt mit, ob Lehrpersonen auf eine gemeinsame Haltung und klare Abläufe zurückgreifen können oder ob jede Klasse faktisch ihren eigenen Umgang mit dem Problem entwickelt.

Mobbing muss dort gestoppt werden, wo es geschieht

Beim Eingreifen besteht schnell der Wunsch, zunächst jedes Detail zu rekonstruieren: Wer hat wann was gesagt oder getan? Wer hat angefangen? Wer war beteiligt?

Für das Stoppen einer Mobbingsituation ist eine solche vollständige Rekonstruktion nicht zwingend notwendig.

Der schulärztliche Dienst des Kantons Bern hält fest, dass Mobbing in dem Setting gestoppt werden muss, in dem es geschieht. Für eine Intervention müsse die Schule nicht wissen, wer genau was getan habe. Eine solche Suche könne sogar kontraproduktiv sein.

Das verschiebt den Fokus. Entscheidend ist zunächst, die bestehende Dynamik zu unterbrechen und den betroffenen Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen.

Dazu braucht es eine Schule, in der klar ist, dass Hinweise ernst genommen werden. Denn Schülerinnen und Schüler, die einer systematischen Mobbingsituation ausgesetzt sind, können nicht darauf verwiesen werden, sich allein durchzusetzen.

Einzelne engagierte Erwachsene bleiben wichtig. Eine verlässliche Antwort auf Mobbing entsteht aber erst dann, wenn die Schule als Ganzes eine klare Linie verfolgt. Wo Erwachsene nicht eingreifen, verschwindet die Dynamik nicht einfach. Sie läuft weiter.

Kinder und Jugendliche, die von Mobbing betroffen sind oder jemanden zum Reden brauchen, erreichen die Beratung 147 von Pro Juventute kostenlos und rund um die Uhr. Eltern können sich bei Unsicherheiten an die Elternberatung von Pro Juventute wenden.

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