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Wenn das Kind zum Schulkind wird: Warum die Einschulung auch für Eltern ein Abschied ist

Adrian Steiner
von
Adrian Steiner
13.08.2026
einschulung loslassen, Mädchen mit Schulthek vor dem ersten Schultag
Mit dem ersten Schultag beginnt für Kinder ein neuer Lebensabschnitt, für Eltern oft auch ein Abschied.

Am ersten Schultag steht das Kind mit viel zu grossem Thek vor dem Schulhaus, aufgeregt, stolz, bereit. Und die Eltern daneben spüren neben der Freude noch etwas anderes, einen leisen Kloss im Hals. Das Kind macht einen grossen Schritt in seine eigene Welt, und für die Eltern beginnt damit ein Abschied, über den selten jemand spricht.

Der Kloss im Hals am ersten Schultag

Während Kinder dem ersten Schultag meist voller Neugier entgegenfiebern, erleben Eltern häufig ein anderes Wechselbad der Gefühle. Stolz mischt sich mit Wehmut. Das Kind wächst sichtbar aus einer Lebensphase heraus, die von Kindergarten, gemeinsamen Vormittagen und einem vertrauten Rhythmus geprägt war.

Mit der Einschulung beginnt nicht nur für das Kind ein neuer Alltag. Auch Eltern betreten ein neues Kapitel. Hausaufgaben, Elternabende, Stundenpläne und feste Schulzeiten lösen die freieren Kindergartenjahre ab. Der Familienalltag verändert sich, oft schneller, als man erwartet.

Nicht jeder erlebt diesen Übergang gleich. Für die einen überwiegt die Freude, andere spüren vor allem Traurigkeit. Häufig sind beide Gefühle gleichzeitig da.

Warum das Loslassen wehtut

Das Elternmagazin Fritz und Fränzi beschreibt das Loslassen als einen Gefühlscocktail aus Stolz, Wehmut, Trauer und Erleichterung. Diese Mischung gehört zu den grössten Herausforderungen des Elternseins.

Kinder malen gemeinsam und gestalten ein Bild
Vor der Schule prägen gemeinsame Erlebnisse und spielerisches Lernen den Alltag vieler Kinder.

Psychologisch ist das nachvollziehbar. Menschen halten an vertrauten Beziehungen und Situationen fest, weil sie Sicherheit geben. Wenn ein Kind selbstständiger wird, verändert sich diese Sicherheit. Eltern können den Alltag ihres Kindes weniger direkt begleiten und kontrollieren. Dafür entstehen neue Erfahrungen, neue Freundschaften und mehr Eigenständigkeit.

Die Einschulung ist dabei nur eine Station. Das erste Loslassen beginnt bereits mit der Geburt. Es folgt beim Laufenlernen, wenn die Hand zum ersten Mal losgelassen wird, später am ersten Kindergartentag und irgendwann als Teenager, wenn Probleme lieber mit Freunden als mit den Eltern besprochen werden.

Wenn sich die Beziehung verändert

Mit dem Schuleintritt verändert sich auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Das fällt oft erst im Alltag auf.

Das Kind entwickelt sich zu einem selbstständigeren und selbstsichereren Schulkind. Es geht allein vom Schultor ins Klassenzimmer, übernimmt kleine Aufgaben und sammelt jeden Tag neue Erfahrungen ohne die unmittelbare Begleitung der Eltern. Das stärkt das Selbstvertrauen.

Auch das soziale Umfeld verändert sich. Während im Kindergarten vertraute Gruppen oft über längere Zeit bestehen bleiben, entstehen in der Schule neue Klassen. Freundschaften verändern sich, neue kommen hinzu. Das Kind baut sich Schritt für Schritt seine eigene Welt auf.

Gerade dieser Prozess gehört zu einer gesunden Entwicklung. Eltern bleiben wichtige Bezugspersonen, stehen aber nicht mehr bei jedem Erlebnis im Mittelpunkt.

Was Eltern über sich selbst lernen

Die Psychotherapeutin Joëlle Gut begegnet diesem Übergang in ihrer Praxis regelmässig. Sie beobachtet, dass auch die eigene Persönlichkeit beeinflusst, wie leicht oder schwer das Loslassen fällt. Wer Veränderungen grundsätzlich schwer annimmt oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe hat, erlebt den Schuleintritt oft intensiver.

Sie regt Eltern an, den Blick auch auf sich selbst zu richten. Definiere ich mich stark über das Gebrauchtwerden? Gibt es Freundschaften, Hobbys oder andere Bereiche, die neben der Elternrolle ebenfalls Platz haben? Solche Fragen helfen, die eigenen Gefühle besser einzuordnen.

Auch die Identität verändert sich. Im ersten halben Jahr nach der Einschulung entwickeln Eltern nach und nach ein neues Selbstverständnis als Mutter oder Vater eines Schulkindes. Rückblickend erzählen viele, dass sie erst später bemerkten, wie emotional dieser Übergang tatsächlich war.

Wie das Loslassen leichter wird

Gemischte Gefühle am ersten Schultag sind normal. Wer Stolz empfindet und gleichzeitig traurig ist, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Ebenso ist es in Ordnung, wenn Erleichterung überwiegt.

Mutter und Kind verbringen gemeinsam Zeit am Frühstückstisch
Vertraute Alltagsmomente verändern sich mit dem Beginn der Schulzeit.

Hilfreich ist, den Fähigkeiten des Kindes und den Lehrpersonen zu vertrauen und gleichzeitig aufmerksam zu begleiten. Dieser Mittelweg gibt Sicherheit, ohne dem Kind die eigenen Erfahrungen abzunehmen.

Es lohnt sich auch, den Blick nicht auf einzelne schwierige Tage zu richten. Entwicklung geschieht über Wochen und Monate. Spätestens wenn das Kind den Schulweg selbstständig meistert, beginnt für die Familie ein neuer Abschnitt. Kinder wachsen Schritt für Schritt in ihre neue Rolle hinein und überraschen ihre Eltern dabei oft mit mehr Selbstständigkeit, als diese ihnen zunächst zugetraut hätten.

Ein kleines Abschiedsritual nach dem ersten Schultag kann auch den Eltern guttun. Wer danach eine Leere spürt, darf sich bewusst Zeit für eigene Interessen, Freundschaften oder Hobbys nehmen, die während der intensiven Familienjahre in den Hintergrund gerückt sind.

Loslassen bedeutet nicht, weniger wichtig zu werden. Es bedeutet, dem Kind zu zeigen, dass man ihm zutraut, seinen eigenen Weg zu gehen.

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